18. Januar 2024

Berührung als Nahrung für die Seele

Ein Montag im November direkt unter dem Dach vom *sowieso*: Ein fröhlicher Strauß Blumen erzählt die letzten Geschichten des Herbstes, Kerzen sorgen für eine wärmende Atmosphäre und eine kleine Gruppe an Frauen freut sich zusammen mit mir auf den zweiten Vormittag der dreiteiligen Workshop-Reihe „Berührung als Nahrung für die Seele“. Für drei Stunden werden die Uhren langsamer laufen als da draußen in Dresden.
„Beim letzten Mal habe ich mich gefragt, was diese Langsamkeit soll“, teilt eine Frau mit uns. Für einen Moment hängt sie ihren Gedanken nach. „Doch es ist gut“, fährt sie fort. „Es ist gut, weil dadurch mehr Zeit zum Spüren ist.“

Ein erster Zugang zu Berührungen
Gerade wenn es um Berührungen geht, wird schnell klar, dass Sprache zwar den Weg ebnen kann, doch dass es letztendlich mehr braucht. Denn Berührung lässt sich schwer mit dem Kopf verstehen. Sie lässt sich vor allem mit dem Herzen erfühlen und mit dem Körper erspüren.

Die Frauen, die sich für die in der Regel im Frühjahr und im Herbst stattfindende Workshop-Reihe anmelden, sind schon eine ganze Weile auf ihrem ganz persönlichen Entwicklungsweg unterwegs. Viele haben dank jahrelanger Therapie viel über sich gelernt und konnten persönliche Muster bearbeiten. „Der Kopf ist gesättigt, nun braucht es ein Eintauchen in andere Ebenen“, beschreibt eine andere Frau ihre momentane Situation.

Und genau das tun wir, nachdem wir uns ausgetauscht haben, wie jede von uns da ist. Die eigene Lieblingsdecke, in die sich jede Frau eingekuschelt hat, vermittelt Wärme, Halt und Schutz. Es ist Gelegenheit, die Augen zu schließen oder sich einen Punkt im Raum zu suchen, auf dem der Blick für die nächste Zeit ruhen kann. Mit der Aufmerksamkeit gehen die Frauen vom Außen zum Innen. Ein paar tiefe Atemzüge unterstützen dabei, bei sich selbst anzukommen. Ich lade ein, den Stuhl und den Boden unter sich wahrzunehmen. Während die Frauen mit ihrem Fokus beim tragenden Untergrund sind, erinnere ich daran, dass dieser sichere Halt immer da ist und dass darauf jederzeit zurückgegriffen werden kann.

Inzwischen ist die Atmosphäre im Raum bedächtig geworden. Eine sehr große Achtsamkeit liegt in der Luft. Die meisten Frauen haben die Augen geschlossen und sind ganz bei sich, versunken im Fühlen und im Spüren.

Kontakt, Entschleunigung und Traumasensibilität als sicherer Rahmen
Die Erfahrung, dass der Boden jederzeit da ist und trägt, wirkt immer wieder sehr tief und gibt viel Sicherheit. Auch diesmal berichten mehrere Frauen davon. Eine andere Frau erzählt, dass ihr diese Übung in diesem Moment zu viel war. Deshalb hatte sie die Augen geöffnet und war mit der Aufmerksamkeit nicht zu sich gegangen, sondern war im Raum geblieben.

Dies ist ebenso herzlich willkommen. Denn auch wenn wir in der Gruppe bewusst keine alten Geschichten auspacken, sondern ganz im Hier und Jetzt arbeiten, ist klar, dass jede Frau ihr Päckchen mitbringt.

Deshalb braucht es bei diesem sensiblen Thema „Berührung“ ein hohes Maß an Traumasensibilität, damit jede Frau in ihrem ganz persönlichen Wohlfühlbereich bleibt. Eine Kuschelecke etwas abseits lädt explizit dazu sich, sich jederzeit zurück zu ziehen und dennoch mit der Gruppe und mir als Gruppenleiterin in Kontakt treten zu können.
Später ist Zeit für Gespräch und Austausch. Denn auch wenn jede Frau eine große Sehnsucht nach Berührungen mitbringt, so sind da gleichzeitig auch Zurückhaltung, Vorsicht und Ängste. Über Berührungen zu reden ist okay, sich im körperlichen Sinne gegenseitig zu berühren, wäre für den Moment noch viel zu viel.

Der Anfang einer Reise
Deshalb beginnen wir in der Workshop-Reihe „Berührung als Nahrung für die Seele“ vor allem mit Gesprächen. Mithilfe von ersten Körperwahrnehmungsübungen und kleinen Selbstberührungen können ein paar erste, vorsichtige Schritte auf dem Weg hin zu mehr Berührungen gegangen werden.
Es ist eine langsame und traumasensible Annäherung an ein großes Thema. Die Sehnsucht nach Berührungen ist auch am Ende der dreiteiligen Workshop-Reihe nicht verschwunden. Um wirklich einen Zugang zu diesem Thema zu finden, braucht es vor allem Zeit.
Insofern ist das Interesse an der Selbsterfahrungsgruppe „Traumasensible Körperarbeit für Frauen“, deren Start für September 2024 geplant ist, groß. In dieser längerfristigen, halboffenen Gruppe soll Gelegenheit sein, sich zusammen mit anderen Weggefährtinnen auf den Weg hin zu mehr Berührungen zu begeben.
Inzwischen neigt sich der gemeinsame Vormittag langsam dem Ende entgegen. Selbst die Frauen, die unruhig und aufgewühlt angekommen sind, fühlen sich jetzt ruhig und geerdet.
Ich lade ein, noch ein paar tiefe Atemzüge zu nehmen und die wichtigste Erfahrung des heutigen Vormittags bewusst in sich zu verankern. Denn alles, was wir erleben, wird in unserem Körper gespeichert. Und wenn wir die Momente, die uns besonders gut tun, tief und bewusst in uns aufnehmen, dann tragen und stärken sie uns auch dann, wenn wir in die Hektik des alltäglichen Lebens da draußen in Dresden zurück kehren.

Ein Veranstaltungsbericht von der Seminarleiterin Dorothea Ristau

Die Workshop-Reihe „Berührung als Nahrung für die Seele“ findet in der Regel im Frühjahr und im Herbst statt. Mehr Infos zur Workshop-Reihe im April und Mai 2024 hier.
Der Start der Selbsterfahrungsgruppe „Traumasensible Körperarbeit für Frauen“ ist für September 2024 geplant. 

 

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